Wer bist du?

Das sind Fragen, die mich zur Zeit beschäftigen. Anlass ist vermutlich meine Trauer über den Verlust eines Menschen, der von so Vielen nicht gesehen wurde. Wie? Nicht gesehen? Ich meine, wirklich gesehen. Wie im Film Avatar: „Ich sehe dich.“

Oh wir sehen einander wohl. Als Verkäufer an der Kasse, als Mensch hinter dem Schalter, als Bürofrau, als Serviertochter, als Mutter, als Tochter, als Sohn, als Ehefrau oder Ehemann, als Putzfrau, als Hausfrau, als Strassenkehrer, als Mitglied eines Vereines oder einer Institution, als Funktion. Das reicht aber nicht. Das meine ich nicht. Sehen wir einander noch als Menschen mit allem, was zu ihm gehört. Sehen, nicht urteilen, nicht werten, nicht in Schubladen einordnen. Sehen? Genauso wie der andere ist? Das heisst natürlich, sich auf den anderen wirklich einlassen und vor allem zuerst, ihn annehmen wie er ist. Mit allen Schwächen und Stärken. Denn all diese gehört ja genau zu diesem Menschen, zu seiner Einzigartigkeit und macht ihn aus. Perfektion gibt es nicht wirklich, selbst wenn wir selbst es meinen. Es gibt es nicht und ehrlich: Perfektion wäre kalt oder ist es in diesem Zusammenhang. Denn oft wird dann nur noch gewertet und geurteilt.

Ich habe einen besonderen Menschen kennen gelernt, wieder einmal. Ich habe diesen Menschen verloren. Sie war niemand Perfektes. Diejenigen, die sie nicht sahen, sich nicht die Mühe machten, sie wirklich kennen zu lernen, die sahen sogar etwas Wertloses in ihr. Doch jeder, der sie wahrnehmen konnte, mit allem, was zu ihr gehörte, der sie spürte, der sie sah, jeder hat viel profitiert von ihrer unglaublichen Wärme. Eine Weile war die Welt wieder schön. Nich problemlos, schön war sie, die Welt. Dank ihr. Dieses Licht erlosch und es erlosch genau wegen der Menschen, die nur Kälte für sie übrig hatten und nur an ihr herum mäkelten und drückten, die sie erdrückten. Manches spielte eine Rolle, dass es zu ihrem Sterben kam. Aber das Schlimmste von allem, war der ständige böse Druck und Stress, der ihr Herz müde gemacht hat. Lieblosigkeit und Unverstehen. Kälte und Herzlosigkeit haben diesen sensiblen Menschen zerstört. Und ich wünsche mir von Herzen, dass es wenigstens ihrer Tochter erspart bleibt, genau das Gleiche auch zu erleiden. Ich will nicht einmal sagen, dass es aus Bösartigkeit geschah, denn das wäre eine Unterstellung. Ich kann nicht in die Menschen hineinsehen. Aber es war ein nicht Sehen wollen. Nur ein einsortieren, ständig wieder. So und so ist es. So als lebten diejenigen, die wichtig gewesen wären mit Scheuklappen oder hätten Angst zu sehen. Schade. Sie haben etwas Wundervollen verloren und eine schöne Möglichkeit verpasst.

Ich versuche, sie dafür nicht zu hassen. Es fällt mir schwer – die Trauer ist zu frisch. Eines Tages vielleicht kann ich ihnen vergeben. Wenn sie es doch wenigstens jetzt sehen würden. Aber leider sehen sie sich noch heute im Recht und haben nicht gelernt, ihre Herzensaugen zu benutzen. Bitte seht einander, ehe es zu spät ist. Es kann schnell passieren. Das ist mein Aufruf und meine Gedankenanregung zu dem Vogefallenen, zum Schmerz in mir.

Schaut einander an, ohne gleich einzuordnen und abzustempeln. Es ist Gewinn.

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3 Gedanken zu „Wer bist du?“

  1. „Und ich selbst definiere mich nicht über die Meinungen der anderen, ich bilde sie mir selbst.“

    Das kam mir auch nicht so vor 🙂

    „Aber ich muss immer wieder feststellen, dass viele nicht an den anderen als Menschen interessiert sind.“

    Den Eindruck hab ich nicht, zumindest was das „reale Leben“ betrifft.
    Im Internet trifft es natürlich zu, denn die Überflutung in den „Sozialen Netzwerken“ macht es unmöglich bei jedem Menschen in die Tiefe zu schauen.

    LG Scully

  2. Hallo Scully

    Ganz so ist es nicht. Sie sah, wer sie mochte. Und sie fühlte sich nicht in einer Opferrolle, aber sie wurde Opfer. Sie war trotz allem lebensfroh, sie hatte viel Humor und versuchte, aus der Situation das Beste zu machen.

    Natürlich fehlte das Selbstbewusstsein, weil sie von Kind auf gehört hatte, sie sei nichts wert. Nichts war gut. Es war sehr krass. Und wenn ein Mensch von ganz klein an so definiert wird, wie soll er da Selbstwert entwickeln? Das Grundvertrauen war nicht vorhanden. Es war ein langer und langsamer Prozess des Aufbaus, der auch geleistet wurde. Sie schaute vorwärts, ging Schritt um Schritt nach oben. Ihre Familie sah sie weiterhin so wie seit der Kindheit. Gar nicht oder unfähig. Freunde, die versuchten, sie zu unterstützen, halfen ihr aber, aufwärts zu gehen. Doch für den Körper, der ja mit der Seele einen grossen Zusammenhang hat, wurde es zu viel. Er wurde müde in diesem ständigen Kampf und so kam es zum Herzstillstand. Verschiedene Faktoren spielten eine Rolle, doch dies war sehr wesentlich.

    Sie sah die schönen Seiten des Lebens, genau deswegen kämpfte sie, genau deswegen gab sie nie auf. Sie sah sich nicht als Opfer. Da kam etwas falsch rüber oder ich habe mich nicht exakt genau ausgedrückt in meinen Gefühlen.

    Trotzdem sind in mir die Gedanken, ob wir einander sehen, wie wir sind oder über Funktionen, die wir haben. Oder über Muster, die wir sehen, die dann den richtigen Blick verbauen. Das beschäftigt mich. Und ich selbst definiere mich nicht über die Meinungen der anderen, ich bilde sie mir selbst. Aber ich muss immer wieder feststellen, dass Viele nicht an den anderen als Menschen interessiert sind. Vielleicht weisst du es besser zu formulieren?

    Auch deine Gedanken dazu sind sehr anregend. Danke dir.

  3. Irgendwas ist da unstimmig.
    Einerseits kamen die Menschen, um von ihrer Herzenswärme zu profitieren.
    (Fazit: Sie wurde gemocht, aber sie selbst konnte das nicht sehen)
    Andererseits litt sie unter Bemängelung, emotionaler Kälte und Lieblosigkeit.
    (Fazit: Sie war Abhängig von der Meinung ihrer Mitmenschen)

    Ich denke: Ein Mensch mit wenig Selbstbewusstsein, der sich unverstanden und ungeliebt fühlt, sieht sich gern in der Opferrolle und kann das Gute gar nicht mehr erkennen.
    Anstatt voller Mitgefühl zu bestätigen, wie schlimm doch alle anderen sind, wäre es besser, diesen Personen auch mal die schöne Seite des Lebens zu zeigen und wie man die Kraft aus sich selbst heraus schöpft.
    LG Scully

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