Wo bist du?

Sag mir, wo bist du? Was tust du? Wie lebst du? Und wie bist du? Warum willst du mich nicht kennen, nicht mit mir reden, mich sehen? Ich war doch so lange bei dir, in dir. Ich bin ein Teil von dir und bleibe es.

Du bist ein Teil von mir und bleibst es. Du kannst dich noch so sehr dagegen wehren, es ist trotzdem so. Erklär es mir doch. Erkläre mir die Gründe. Wag es. Sei mutig. Ich bin nicht böse mit dir. Ich sehne mich nur nach dir. Denn wenn wir uns nicht kennen, wird mir immer ein Teil meiner selbst fremd sein und ich kann nie ganz vollständig sein. Die Jahre haben daran nichts geändert. Die Jahre fliessen. Menschen kommen und sie gehen. Man sagt, Zeit heilt Wunden. Diese Wunde wird nie heilen, weil du mir nicht die Möglichkeit dazu gibst. Ich will verstehen. Aber ich kann nicht verstehen, wenn ich nicht weiss.

Ein Teil meiner ständigen Sehnsucht, Unruhe und Traurigkeit ist bei dir. Du. Bist du überhaupt noch da? Ich konnte dich nie überfallen, gegen deinen Willen. Das habe ich nie zustande gebracht. Glaub mir, ich werde dir nichts vorwerfen. Reden. Können wir nicht reden? Sehen, riechen, spüren? Du. Ich bin dir ähnlich und doch ich selbst. Ja ich bin auch ihm ähnlich. Du konntest ihn nicht genug lieben, warum auch immer. Du wirst deine Gründe gehabt haben. Doch warum willst du mich nicht sehen?

Meine Sehnsucht nimmt nicht ab. Der Schmerz verfolgt mich. Er zerreisst mich. Und mit jedem Teil von mir, den ich sonst noch verliere, wird die Wunde grösser. Du, Teil von mir, wo immer du bist. Ich hasse dich nicht. Bitte melde dich.

Esther

Be Sociable, Share!

12 Gedanken zu „Wo bist du?“

  1. Ich freue mich, über die Beteiligung an diesem schwierigen Thema.
    Die Frage an die Mütter – ob sie etwas vermisst haben – lebt in den verlassenen Kindern – auf ewig.
    Vielleicht ist es gut, dass sie nicht mehr gestellt werden kann.
    Die Antwort könnte sie möglicherweise derart niederstrecken, dass sie ihre mühsam erworbene Fassung – um die sie in ihrem Leben gerungen haben – wieder verlieren.
    Ich bevorzuge – es nicht wissen zu wollen…
    Seid herzlich bedankt, James.

    1. Lieber James, es könnte sein, dass diese Antwort oder das Wegstossen, wenn es dazu käme, einem zerstören würde. Ich weiss, wie es mir ginge, würde ich versuchen, sie zu treffen und sie würde mir die Türe vor der Nase zuschlagen. Nur das. Von Antworten rede ich noch nicht einmal.

      Auf ewig ja. Du hast das gut beschrieben. 🙂

  2. Liebe Esther,
    ich kann nur zu gut nachempfinden, wonach du dich sehnst!
    Ich war auch mein ganzes Leben lang auf der Suche nach meinen Wurzeln…
    Als ich dann die Möglichkeit mit der 1. Begegnung meiner Mutter hatte, endete dieses und zwei weitere Treffen in einem Fiasko.
    Mein Vater hat mein Dasein immer verleugnet, weil ich angeblich nicht von ihm gezeugt wurde! Mich gab es nur als *Randvermerk* auf meiner Geburtsurkunde! Ich glaube mittlerweile, dass ihre Seelen so gehandelt haben, damit ich wachsen und reifen konnte und durfte ☼
    Mittlerweile weilen Beide hier nicht mehr hier auf Erden und so konnte ich dennoch *In Liebe verzeihen* 🙂
    Trotzdem danke ich meinen Eltern, dass sie mir mein Leben geschenkt haben, weil es mich sonst nicht geben würde ☼
    Liebe Esther, manchmal müssen Menschen sehr steinige Lebenswege ganz ohne die LIEBE der Eltern gehen, weil wir uns sonst nie zu so liebenswerten Menschen, wie du es bist, entwickelt hätten 🙂
    Manche Wunden brauchen mehr Zeit zum Heilen!
    Schön, dass es dich gibt liebe Esther ☼
    In Liebe Ulrike, die dich mal ganz liebevoll in den Arm nimmt ☺

    1. Ich hatte trotz allem das Glück bei liebevollen Menschen aufzuwachsen Ulrike, das hat bestimmt auch geholfen. Andere haben das nicht. Da ist alles noch viel schlimmer. Aber auch sie können Wege finden, gut damit umzugehen und ein gutes Leben zu finden. 🙂
      Danke für deine persönlichen Anmerkungen und dein in die Arme nehmen.

  3. Ich kann mir ebenfalls zusammenreimen, an wen der Text gerichtet ist. Selbst als Adoptivkind großgeworden, verstehe ich ihn, auch wenn er so nie aus meinen Fingern fliessen würde. Meine Fragen wären direkt, würden durchaus eine gewisse Wertung beinhalten. Diese führt für mich persönlich auch dazu, diese Dauersehnsucht schon lange nicht mehr mit mir herumzutragen.

    1. Ja das stimmt wohl Elsa 🙂 Nur kann ich gehen lassen, was ich nie hatte? Ich kann doch nur gehen lassen, was bei mir war. Es kommt alles immer mal wieder hoch.

  4. Es ist schon erschütternd, dass dieser Sehnsuchtsschmerz niemals ein Ende zu nehmen scheint.

    Ich bin mir sicher, sie hat immer mal wieder an euch gedacht und euch vermisst. Denn es gibt ein „unsichtbares“ ♥ Band ♥, das sich durch nichts durchtrennen lässt, @Esther und @James.

    LG Scully

    1. Das Scully ist so ein kleiner Hoffnungsfunken in mir drin. Aber sicher kann ich das nie wissen. Ich habe versucht, Kontakt aufzunehmen, auf verschiedene Arten. …

  5. Die Beschreibung beinhaltet für mich eine der wichtigsten Fragen.
    Ich würde nicht fragen wollen – warum hast du mich verlassen.
    Keinen Vorwurf würde ich an sie richten – an diese Person.
    Auch interessiert erst mal nicht, wie es ihr geht.
    Nur eine – die all die nicht gestellten Fragen beantwortet – würde ich stellen.
    Hast du etwas vermisst?
    Gruß, James Henry Burson.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.