Der Mistral

Der Mistral ist mein Freund. Manche mögen diesen Wind nicht sehr, ich liebe ihn. Er fegt alle Wolken weg, er lässt die Farben erstrahlen und er treibt Spässe mit den Menschen und Tieren. Manche regen sich zwar über diese Spässe auf. Ich muss immer lachen. Und manche wissen auch, warum das so ist.

Es ist Ostern 2012. Wir fahren nach Les Saintes Maries de la Mer. Ins Herz der Camargue über den Pont Sylvéréal, der kleinen Rhone entlang mit einem Zwischenhalt an einem besonderen Platz. Ich verweile dort immer einen ruhigen Moment lang, um das Land und einige Erinnerungen in mir aufzunehmen. Denn egal was ringsum los ist, was tobt, was lärmt, was sich bewegt, dort ist eine besondere und schöne Ruhe, etwas, das eindringt und von dem Moment an bin ich ganz zuhause angekommen. Es ist nicht leicht zu erklären, was ich dort empfinde. Es ist nicht einmal Trauer, es ist ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit. Ein Lächeln erfasst mich. Und wenn es ist wie heute, wenn der Mistral mit mir seine Spässe treibt, dann noch mehr. Das Land hat mich wieder und ich hab es wieder. Wir sind wieder eine Einheit.

Wir fahren in den Ort hinein. Natürlich sind heute sehr viele Menschen hier. Es ist Ostern, einige sind angereist. Doch eigentlich sehe ich sie nicht einmal wirklich. Ich sehe den Ort und auch wenn die Kirche gerade renoviert wird aussen, hat sie ihr Besonderes bewahrt. Diese Kirche ist nicht üppig überladen, sie ist einfach geblieben und strahlt gerade in ihrer Einfachheit eine Stille und Ehrfurcht aus, die ich sonst in solchen Kirchen nicht spüre. Hier ist es vorhanden. Eines meiner Rituale, auch wenn ich selbst nicht katholisch bin, ist es bei Sara, der Schutzpatronin der Fahrenden, vorbeizusehen und dort eine Kerze für meine Freunde, die nicht mehr unter uns weilen anzuzünden. Es hat nichts mit dem Glauben oder der Kirchen-Institution zu tun. Es hat aber mit meinen persönlichen Erinnerungen zu tun und ist für mich wichtig geworden. Und diesmal habe ich die Kerze für drei Menschen angezündet, die mir besonders nah kamen und gingen oder gehen mussten. Für Jamie, Jo und für Inga und ein wenig auch für Roger. Er war auch ein guter Freund und war mein Zeichnen-Meister. Er hat das alles auch wahrgenommen und gespürt, war auch sensibel, feinfühlig und ein Künstler durch und durch. Also eigentlich für vier Menschen.

Ich denke bei diesem kleinen Ritual an diese Menschen, die zwar noch in meinem Herzen sind, dort auch bleiben, aber nicht mehr körperlich vorhanden sind. Sie leben in den Erinnerungen weiter. Ich spüre weiter ihr Wesen, ihre Wärme, ihre Eigenheiten. Und mir ist egal, was andere dazu denken und wie sie es ansehen. Es ist meine Art mit Verlusten umzugehen. Und es ist meine Art, wieder ganz anzukommen in meiner Heimat.

Wir schlenderten durch die Gassen, über die Plätze, tranken in der Bar des Poètes ein Café und spazierten dann wieder zum Auto zurück, um über die Route Cacharel den Ort wieder zu verlassen. Eigentlich wollten wir zum Nachgeburtstag noch ein Eis essen gehen, aber irgendwie kam es nicht dazu, das werden wir aber noch einmal nachholen. Denn an meinem Geburtstag kamen wir zwar an, ich kam nach Hause – ein schönes Geschenk – aber durch dieses Ankommen und Auspacken und Einrichten kam es eigentlich nicht zu einem feiern. Das wird nachgeholt. Das Wichtigste vorerst ist, dass ich angekommen bin.

Ich bin daran, mich wieder zu finden. Es wird noch dauern. Es war zu viel los im letzten Jahr, das erschütternd und verwirrend daher kam. Aber es wird gut werden.

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