Pflänzchen

Das meer ist so gross

Diese kleine Geschichte entstand beim Betrachten des Bildes.

Angler und Kind
Das Meer ist so groß

 

Sie kamen am Strand an, der Große und der Kleine. Pierre und Basti. Eigentlich hieß er Sébastien, aber keiner nannte ihn so. Es war still am Strand, nicht wie sonst, wenn so viele hier herum rannten, badeten, planschten, spielten, im Sand lagen. Oder wenn einige mit Tretbooten, mit Bananen oder Gummiboten in den Wellen spielten. Die Wellen rauschten nur leise, weil sie klein waren. Aber das Meer war gross.

Heute war ihr Tag. Pierre hatte sich frei genommen, um ihn mit seinem kleinen Sohn zu verbringen. Basti mochte das Meer. Pierre versuchte ihm zu zeigen, wie das mit dem Angeln ging. Er zeigte es ihm und erklärte ihm, worauf er dabei achten musste. Nur irgendwie war der Kleine mit seinen Gedanken in einer eigenen Welt. Er sah ihm zwar zu, doch immer wieder hinaus ins Wasser. Er hörte ihm zu und doch schienen in seinem Kopf die Gedanken haschen zu spielen. Er sprach ihn schließlich darauf an. „Woran denkst du Basti?“
Die Kinderaugen richteten sich einen Moment auf ihn. Sie waren braun wie seine. „An Mama. Ich versuche sie mir vorzustellen. Wo ist sie?“

Mama war eines Tages aus dem Haus gegangen und nicht wieder gekommen. Die Erwachsenen sagten ihm seltsames Zeug. Er konnte es nicht verstehen. Damals. Er verstand es immer noch nicht. Aber seitdem wohnte die Oma bei ihm und Papa und machte viele Dinge, die zuvor die Mama erledigt hatte.

Pierre zuckte leicht zusammen. Es tat ihm noch immer weh. Doch er musste eine Antwort geben. Das war er dem Kleinen schuldig. Nur, wie erklärte er ihm, was geschehen war? Was konnte Basti verstehen und was nicht? Auf jeden Fall wollte er ihm nicht Dinge vormachen, die nicht der Wahrheit entsprachen. „Ich weiß nicht, wo sie ist.“
„Hat sie es dir nicht gesagt?“
„Nein.“
„Seid ihr böse miteinander? Habt ihr euch gezankt? Kommt Mama wieder?“
„Kinder streiten manchmal. So geht es auch uns Erwachsenen.“
„Kann ich sie sehen, zu ihr gehen? Vielleicht freut sie sich. Wir freuen uns doch auch über Besuch.“
„Basti, wir wissen nicht, wo sie ist und nicht, ob sie wiederkommt oder nicht.“
Der Kleine schaute traurig. „Manchmal wart ihr ganz laut und habt euch angeschrien und gedacht, ich höre es nicht. Ich habe es aber gehört und mir die Ohren zugehalten.“
„Ja ich weiß.“
Eine Weile war es wieder still zwischen ihnen. Ein sanfter Wind zupfte an ihren T-Shirts und kurzen Hosen, an ihren Haaren. Es war nicht kalt.
„Papa? Alles ist so groß. Hat sich Mama vielleicht verirrt?“
„Das kann gut sein.“
In gewissem Sinne konnte man das so ausdrücken. Sie hatte sich entschlossen, ihren Weg alleine weiter zu gehen – ohne Familie.
„Sie hätte aufpassen sollen.“
Ganz ernst sagte er das und schwieg wieder. Basti dachte nach.

Der Kleine bückte sich und las eine kleine Muschel auf, die vor seine Füße gespült worden war, rieb den Sand weg von der Oberfläche, sah sich das Muster an und warf sie wieder ins Wasser zurück. Er sah zu, wie die kleine Muschel versank, sah den Wellen zu, die den Sand unter seinen Füssen wegleckten, wenn er sich da hin stellte, wo sie hinkamen und fand, dass es lustig kitzelte. Er hatte die Schuhe im trockenen Sand ausgezogen und musste lachen, stellte sich neben seine Fußspur und sah wieder zu, wie das gleiche geschah. Er nahm etwas von dem Sand und machte damit einen kleinen Hügel und konnte zusehen, wie der Hügel verschwand.

Dann sah er wieder Papa beim Angeln zu. Er war froh, dass sich Papa nicht wie Mama verirrt hatte. Sie wollten nach dem Angeln etwas essen gehen und er freute sich darauf. Also schlüpfte er wieder in seine Schuhe. Er mochte McDonalds. Da sah es bunt aus und er konnte dort in dem Schloss spielen, konnte mit dem Ketchup in den Teller kleckern und mit dem Finger Muster daraus machen. Er wollte heute Muster malen, wie sie auf der Muschel gewesen waren. Das sah schön aus. Papa schimpfte nicht mit ihm, wenn er damit im Teller malte. Manchmal half er ihm sogar. Und sie lachten zusammen. In die Burg durfte Papa aber nicht, da durften nur die Kleinen rein.

Er sah ihm wieder eine Weile zu und es kam ihm dabei ein Gedanke. „Papa? Das Meer ist so groß. Verirren sich die Fische nicht?“
Der Kleine schaute hinaus und runzelt konzentriert die Stirne. Denken war anstrengend. Das merkte er jetzt.
„Nein, sie wissen, wohin sie wollen.“
„Sicher? Aber ich glaube, sie wollen nicht an die Angel.“
Pierre lächelte. Und Basti schaute ihn wieder sehr ernst an.
„Mama wusste also nicht, wohin sie wollte? Darum ist sie verloren gegangen. Weißt du, wohin du willst?“
„Ja.“
„Das ist gut. Dann kannst du dich nicht verirren. Ich weiß es manchmal nicht. Passt du auf mich auf, damit ich nicht verloren gehe?“
„Dafür bin ich da, bis du es genau weißt.“
Der Kleine schaute aufs Meer hinaus, sah den Wellen zu, die ans Ufer rollten. Er fühlte sich geborgen. Er fühlte sich sicher und wusste, dass er sich auf diese Weise nicht verirrte.

Text: Esther Grünig-Schöni
Foto: BigPics Fotostudio Patrice Grünig – https://www.bigpics.ch

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