Schnuppernase

Nebelwald
Der Nebel hängt in den Bäumen mit einer Hartnäckigkeit, die jeden erschauern lässt. Er hängt in den Ästen, in den Sträuchern. Er packt jeden Ast, auch den kleinsten, seift ihn ein mit seinen feuchten Fingern. Es sind kalte Finger wie die an der Hand des Todes.

Mittendrin steht einer, vermummt, sieht aus wie ein Schatten und wartet. Unbeweglich steht er. Lautlos. Unbemerkt. Die Kälte scheint ihm nichts auszumachen. Vielleicht ist er ein Kobold oder ein Wurzelmännchen.

Sie fröstelt. Die feuchtkalte Nebelwolke dringt in ihre Kleider, bis zu ihrer Haut, umschliesst sie unbarmherzig. Nichts hält die Feuchtigkeit auf, kein dicker Pullover, nicht einmal ihr weiter, langer Mantel. Sie geht den Weg mit den tiefen, festgefrorenen Furchen. Dort schlich gestern Abend ein Auto durch den noch weichen, schweren Boden. Jetzt ist er hart und die Spuren sind darin verewigt. Es stinkt nach Grab, beängstigend nach Moder. Und trotzdem: sie muss hier durch. Sie muss nachsehen gehen. Es geht nicht anders. Sie wird von ihrer inneren Stimme dazu gezwungen. Verführerische Neugier. Wie oft schon wurde die ihr zum Verhängnis. Aber sie kommt nicht dagegen an. Es ist früh am Morgen. Die Sonne ist noch kraftlos tief und dringt nicht durch den Nebel. Sie hört eine Krähe. Heiser und eindringlich schimpft sie. Ihr Schrei lässt sie ängstlich zusammenzucken. Es ist ein Schrei und kein Lied. Dieser Klang, diese Stimme passt zu der ganzen unheimlichen Musik um sie her, zum Knacken, Knistern und Rascheln, zum Flüstern und Tuscheln. Sie schlägt den Kragen ihres Mantels hoch, versucht sich darin einzulullen, sich ein bisschen zu verstecken und ist unzufrieden mit sich selber. Nein, sie ist wütend auf sich. Sie riskiert zuviel. Immer will sie alles aufklären, allem auf den Grund gehen. So auch dieses Mal. Wäre es nicht besser, es diesmal zu unterlassen? Warum ist ihre Neugier und dieser Drang stärker als jede Vorsicht? Wohin wird sie das führen.

Wieder ruft der schwarze Vogel – nach ihr? Möglicherweise nach ihr. Nein. Sie lässt sich zu sehr anstecken von dieser Nebelstimmung. „Lass dich nicht verrückt machen,“ ermahnt sie sich. Der schwarze Vogel scheint sie zu begleiten. Soll er, wenn es ihm Spass macht. Er ist ein Tier und kein Phantom.

Nun, gestern Abend hat sie es gehört und zwar deutlich und klar. Keiner wollte ihr glauben. Sie haben gelacht. Etwas von „Gespenster hören“ gebrummelt und es dabei belassen. Und genau deswegen ist sie hier unterwegs. Sie will es wissen. Sie hat jemanden um Hilfe rufen hören, kurz darauf einen Schrei, ein unheimliches Stöhnen, ein Wagen, der wegfuhr und danach diese Stille. Keine friedliche Stille. Kalt war es ihr vorgekommen. In der Nacht hatte sie sich jedoch nicht hergewagt. Und keiner wollte ihr glauben und nachsehen gehen. Nun denn. Sie tat es an diesem Morgen.

Anna zieht den Kragen des Mantels noch einmal höher. Und wieder hört sie die Krähe. Will die sie ärgern? Warnen? Ein bisschen weiter oben wäre es heller, bestimmt freundlicher. Dort oben an der Stelle, wo die grosse Lichtung ihren Anfang hat. Dort, wo viele Wanderer ihren Weg suchen. Aber hier, auf diesem versteckten Weg ist kaum jemand anzutreffen und an diesem Morgen schon gar nicht. Sie sieht die tiefen Furchen, die das Auto hinterlassen hat und denkt an die Stimme in der Nacht, an die Geräusche, die sie neugierig gemacht haben.

Er hört sie schon lange. Da kommt jemand, und er weiss, dass sie es ist. Sie kommt. Er hat sie am Eingang des Waldweges kurz gesehen. Jetzt hört er sie nur. Keiner kann heute leise und unbemerkt durch den Wald spazieren. Es knackt, wenn der Schuh einen dürren Ast trifft. Es raschelt, wenn die Füsse durch Haufen von Blättern schlurfen. Ja, er hört sie gehen.
Er hat Hans gewarnt. Sie waren in der Nacht zu laut. Bestimmt hat sie jemand gehört. Und? Stimmt es nicht? Er ist überzeugt, dass sie aus diesem Grund hierherkommt. Warum sonst an diesem unfreundlichen Morgen? Sie hat keinen Hund dabei. Sie sucht keine Pilze. Sie trifft sich bestimmt nicht mit dem Geliebten. Dazu ist es zu freucht und zu kalt. Er steht hier und wartet. Er muss sicher sein, dass sie nichts findet. Und wenn doch, dann wird er handeln müssen. Sofort.

Anna spürt Angst in sich aufsteigen. Auf einmal. Grosse Angst. Und sie ärgert sich darüber. Was ist sie für ein Angsthase. Das hindert sie keineswegs daran, Ihre Neugier zu befriedigen. Es muss sein. Es ist stärker als jede Angst. Sie marschiert weiter mit einem unangehmen Kribbeln im Nacken. Sie marschiert weiter und sieht auf einmal, dass die Furchen im Weg aufhören. Das heisst, hier sind sie erst besonders tief und dann ist da nichts mehr. Aber der Boden ist hier nicht anders beschaffen. Hier liegen keine Steine, hier findet sich kein Asphalt oder Beton. Der Wagen ist hier ganz einfach nicht mehr weitergefahren. Hier ist er vermutlich erst stehengeblieben, dann rückwärts gefahren – darum die tieferen Spuren -, ein Stück weit bis zu einer Gabelung. Erst dort konnte der Fahrer wenden. Ist hier der Platz? Sie schaut zum Wohnquartier hinüber. Es muss hier gewesen sein. Alles stimmt. Sie friert, nicht nur der Kälte wegen. Irgendwie fühlt sie sich beobachtet. Nicht weit von ihr entfernt hört sie ein Knacken. Vielleicht ist es das Holz. Schliesslich ist der Wald lebendig. Vielleicht ist es ein Tier. Vielleicht ist es ein Mensch, der spazieren geht. Oder es ist nichts. Nur ihre Angst. Sie sieht sich um und kann nichts entdecken. Der Nebel packt alles ein, sogar sie selbst. Doch dieses Gefühl bleibt, schleicht über ihren Rücken, als streiche eine kalte Hand langsam darüber. Ihr Herz schlägt schneller.

Er steht zwar hier wie ein Wurzelmännchen oder ein Kobold, aber er ist keiner. Er ist ein Mensch mit finsteren Gedanken, als er sieht, dass sie am Ende der Spur stehenbleibt. Er denkt an Hans, der zu sorglos gewesen war. Hoffentlich hat er seine Arbeit wenigstens gut gemacht. Hans ist Schuld, wenn er gezwungen wird zu handeln. Er nähert sich ihr ein wenig, um besser sehen zu können, was sie tut. Ein Ast! Es knackt laut. Sie sieht sich um. Ganz kurz, wirklich nur ganz kurz blickt er durch den Nebel hindurch in ihre Augen, und hofft, dass sie nichts merkt. Eigentlich ist er nicht der Typ für das Grobe. Er macht sich seine Finger nicht gerne schmutzig, aber wenn es sein muss, drückt er sich nicht. Er nähert sich noch ein Stück. Da, in ihrem Rücken kauert ein Strauch mit wirren Ästen auf dem Boden und gleich dahinter steht eine Baumgruppe. Ein ideales Versteck. Er kann sie aus der Nähe beobachten. Vorsichtig schleicht er sich an, achtet darauf, dass ihm kein Ast mehr zum Verhängnis wird.

Anna spürt einen Lufthauch im Nacken. Ist der Kragen heruntergerutscht? Und? Was nun? Wie weiter? Sie schaut in einen Haufen aus Ästen und Laub. Ein seltsamer Haufen. Er sieht so aus, als habe ihn jemand zusammengetragen. Der ist nicht natürlich entstanden. Was wird sie finden? Will sie es finden? Oder ist es besser zu gehen? Sie wird nicht gehen – kurz vor dem Ziel. Sie nähert sich, beugt sich vor. Das Kribbeln in ihr verstärkt sich, die Angst nimmt zu, aber sie flieht nicht. Noch einmal sieht sie sich um. Doch da ist keiner. Sie muss es wissen. Jetzt muss sie es wissen. Da! Da ist etwas. Eindeutig. Es ist keine Illusion. Da ist etwas. Sie sieht etwas und will erst nicht glauben, dass es ist, was sie denkt. Ein Finger? Doch es ist einer, denn sie sieht die ganze Hand, die zu diesem Finger gehört. Deutlich nun. Sie ragt aus diesem künstlichen Gewirr heraus. Also doch. Sie hatte recht.

Diesmal wird man ihr glauben. Sie richtet sich auf. Sie stöhnt im Moment des Erkennens auf. Der Schrei jedoch bleibt ihr im Hals stecken, als sie den Stoss spürt, findet den Weg nicht mehr aus ihrer Kehle, aus ihrem Mund. Sie spürt ein Brennen, dreht sich halb um, sieht ein Paar Augen in einem Männergesicht. Sie rutscht langsam dem Boden zu, in den Nebel hinein, der ihr nun wie ein weiches Kissen vorkommt. Sie fühlt keine Angst mehr, nicht einmal Schmerz. Sie hört die Krähe nicht mehr, fühlt kurz Atem über ihr Gesicht streichen und … nichts mehr. Still ist es im Nebel im Wald. Friedlich. Alles Unheimliche ist verschwunden.

Der Kobold fühlt ein Flattern in sich. Jetzt ist es geschehen. Ein zweites Mal. Es musste sein. Ein besonderes Gefühl erfasst ihn. Es gefällt ihm – dieses leise Flattern – dieses Gefühl. Ja, es gefällt ihm.

Copyright by Esther Grünig-Schöni

Be Sociable, Share!
  • Twitter
  • Facebook
  • email
  • StumbleUpon
  • Delicious
  • Google Reader
  • LinkedIn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Gedanken und Anregungen