Geschichte

Geschichte der Camargue

Es ist ein seltsames Land, dessen Geheimnis man fast nur aus seinen Legenden als aus seiner Geschichte versteht. Dem modernen Menschen fehlt hier alles, was ihm sonst unentbehrlich erscheint. Ein Land, wo im Volksempfinden religiöse und abergläubische Vorstellungen aus vorgeschichtlicher Zeit lebendiggeblieben sind – das unbekannte Reich der Camargue.

Ich kann hier nicht auf alle Aspekte eingehen, werde nur Stichwortartig dieses und jenes anschneiden – vielleicht Lust auf mehr damit erzeugen wie mit all meinen Seiten über meine geliebte Camargue.

An der kleinen Rhone
An der kleinen Rhone

F. Benoit sagt mit Recht, die Camargue sei ein Geschenk der Rhône. Ihr verdankt sie wirklich alles, ihren Grund und ihren Untergrund. Die Rhône hat seit den ältesten Zeiten als Verbindungsweg zwischen dem Mittelmeer und den Völkern des Hinterlandes gedient. Sie hat die Camargue erschaffen und ist ihre Hauptschlagader geblieben. Aus der alten Zeit gibt es eine Sage um „Anatilia“ – die versunkene Stadt, die einst reich und blühend das Rhonedelta beherrscht haben soll. Die meisten Sagen haben einen geschichtlich wahren Kern: die Stadt „Anatilia“ muss es wirklich gegeben haben. Sie wird erwähnt. Erwähnt wurde auch an der Stelle, an der heute Les Saintes-maries liegt eine Stadt „Ra“. Vermutlich lag die Stadt auf einem Gelände, das heute vom Meer überflutet ist. Die Sage der Heiligen Marien, die an der Stelle gelandet sind, wo heute Saintes-maries liegt, beeinflusst Vieles in der Gegend. Um die Kirche herum, die hier gebaut wurde, entstand nach und nach der Ort. Und so steht die Stadt der heiligen Marien wie ein weithin leuchtendes Zeichen der Christenheit im wildesten Teil der Camargue und ist zu ihrem Herz geworden. Was, wenn dieses Herz stirbt?

Vieles spielte in der Geschichte der Camargue eine Rolle, so auch Arles, das heute ein bedeutendes Zentrum der Tierzucht im Süden und eines der wichtigsten von ganz Frankreich geworden ist. Am Eingang der Camargue liegt die Stadt und ist sozusagen ihr Leuchtturm, der allen den Weg weist. Doch auch die Griechen und die Römer haben das Land mitgeprägt. Die Camargue hatte nicht immer das Aussehen einer Einöde. Zahlreiche Flussarme durchzogen das Gebiet und befruchteten es zweimal im Jahr mit dem Schlamm, den das Hochwasser auf dem überschwemmten Erdreich ablagerte. Die Bebauung war einfach und brachte reiche Ernte und so war auch das Interesse an dem Land gross. Zahlreiche Wälder lieferten das Holz für den Schiffbau. Der Handel blühte. Es war ein reiches Land. Doch die glückliche Zeit des Wohlstandes dauerte für die Camargue so lange wie das Römische Reich. Als dieses zusammenbrach, begannen die Wirren und die nicht abreissende Kette von Überfällen durch beutegierige Völkerstämme. Später hinterliess die christliche Ära ihre Spuren, eines dieser Spuren ist S-Gilles (siehe oben). Klöster wurden gegründet. Mönche arbeiteten fleissig und trieben Handel mit den Produkten des Landes. Oft mussten sich die Klöster mit Plündereien und Überfällen herumschlagen und dem immer schwieriger werdenden Land. Das Delta veränderte sich dauernd (und tut das heute noch).

Streitereien unter Fürsten und Glaubsensrichtungen taten dem Gebiet auch nicht unbedingt gut. So kam eines zum anderen. Viele Flussarme versiegten allmählich infolge der starken Anhäufung von Geröll und Geschiebe. Im 12. Jahrhundert hatten die Bewohner der Camargue begonnen, die Flussarme zu verbauen, weil sie der ständigen Überschwemmungen überdrüssig waren, die immer wieder ihre Felder mit schlammigem Wasser bedeckten. Doch genau diese Deiche sollten die ganze Gegend grundlegend verändern, denn als die Camargesen ihre Wohnstätten vor dem einen, ihnen bekannten Übel bewahren wollten, verursachten sie ein unerwartetes neues: der Mangel an Süsswasser und die fortschreitende Austrocknung richteten die Kulturen zugrunde. Das Gleichgewicht war gestört. Das ganze Land am Golf von Beauduc senkte sich, der Meeresspiegel steigt, und das Meer rückt bedrohlich vor. Zur Abwehr baute man später den grossen Deich, der das Delta einfasst. Auch die reiche Vegetation schwand, als der Boden nicht mehr vom Fluss mit fruchtbarem Schlamm ernährt wurde. Es entstanden weite, steppenartige und salzige Sümpfe mit Salicornien und Sansouïres. Immer mehr Siedlungen mussten aufgegeben werden und verkümmerten zu unbedeutenden, armseligen Gehöften. Einzig die kleine Stadt der Saintes-Maries konnte sich bescheidene Lebensmöglichkeiten bewahren. Ihre Festungskirche hatte schon in früherer Zeit den Einwohnern Schutz geboten. Die Einwohner der Stadt nutzten die Salinen und genossen verschiedene Privilegien.

(Angaben aus dem Buch „Wilde Camargue“ von Henri Aubanel – de Baroncelli)

Und heute? Die Camargue hat sich etwas Besonderes bewahrt mit all ihren entstandenen Traditionen. Was wird daraus, wenn es nur noch zu Show erstarrt? Das darf nicht geschehen. Respektieren wir Fremden die Bräuche in ihrer alten Form als ein Teil des Landes und verhalten uns still, wenn wir dabei sein können? Stellen wir keine Forderungen an Modernisierung dieser Traditionen? Die Bräuche sind bis dahin Teil des Lebens in der Camargue, und es ist wichtig, dass es so bleibt, sonst verliert dieses Land genau dieses Besondere, das wir hier suchen. Es ist kein Museum. Die Menschen leben hier, arbeiten hier, sind lebendig. Und es ist gut so. Gewisse Veränderungen wird es immer geben, Entwicklungen. Aber es ist wichtig, dass die Camargue Camargue bleibt und nicht irgendeine Kulisse im Tourismustheater wird.

Es stimmt, das Land ist mir wichtig und ich habe Angst, dass es verloren geht. Bitte helft mir, dass es nicht soweit kommt und begegnet ihm mit Respekt. Die Geschichte konnte ich nur anschneiden. Wer interessiert ist, kann Genaueres in guten Büchern nachlesen.

 

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